1. Adele trifft Gügel (1)

Die kleine Adele und Papa bummelten mit der blauen U-Bahn zum Kindergarten. Sie machten jeden Morgen denselben Weg, sieben Haltestellen zwischen der Käferstraße und dem Schmetterling-Kindergarten. An den Wochenenden aber nutzten sie den Morgen fürs Faulenzen, sie schliefen so lange, bis selbst die weiche Federdecke ihre Glieder drückte. Die beiden wetteten jedes Mal, wer länger im Bett bleiben kann. Gewonnen hat gewöhnlich Adele, denn nach zehn Uhr knurrte Papas Bauch schon so laut, dass Frau Platt aus der Nachbarwohnung mit dem Besenstiel herüberklopfte. Das bedeutete, dass es höchste Zeit war zum Aufstehen. Adele mochte diese langen Morgenstunden mit Papa, eines war bloß verkehrt, dass Mama nicht mitmachen konnte. Das Mädchen vermisste seine Mutter sehr. Es umklammerte Mamas blaues Schlafkleid unter der Decke und versuchte sich daran zu erinnern, als Mama noch zu Hause war, ihm mit den Fingern Schnecken in die braunen Haare malte und von Gügel, dem warmherzigen rosafarbenen Monster, erzählte, das im U-Bahn-Tunnel lebte.

Adele hoffte insgeheim, dass sie eines Tages anstelle der Schaffner Gügel am Ausgang erblicken würde, der lächelnd die Tickets verlangt, worauf Papa zerstreut sein Handy aus der Hosentasche holt. Gügel wartet dann geduldig, bis Papa die App für die Fahrkarte öffnet und sie vorzeigt. Leider musste sich aber das kleine Mädchen jedes Mal täuschen, denn am Ausgang standen immer wieder die gleichen düsteren Gesichter, die ständig dem U-Bahn-Wind ausgesetzt waren und deshalb schreckliche, struppige Augenbrauen über ihren winzigen Augen bekamen.

Sie waren nur noch drei Stationen vom Schmetterling-Kindergarten entfernt. Wie gewöhnlich mussten sie auch heute stehen, da im schäbigen Zug keine Plätze frei waren. Papa meinte, dass die Sitze für alte Leute da seien, denen die Beine weh tun. Die Kinder werden sich erst hinsetzen dürfen, wenn sie auch einmal alt werden und selber Schmerzen in den Beinen haben. Vielleicht haben die alten Leute gerade deswegen Beinschmerzen, weil sie damals, als sie jeden Tag mit ihren Eltern zum Schmetterling-Kindergarten gefahren waren, auch nicht Platz nehmen durften, dachte Adele, und beschloss schon jetzt, ihren Sitz den Kindergartenkindern anzubieten, wenn sie später mal als alte Oma mit der U-Bahn fahren würde.

Adeles rechtes Händchen steckte in Papas riesengroßer Hand, mit dem linken hielt sie sich fest. Sie hörte zu, wie die blaue Raupe durch den Tunnel huschte und ihre Räder auf den Schienen quietschten. Mama war es, die zur U-Bahn „blaue Raupe“ sagte, und Adele nannte den unterirdischen Zug ebenfalls nur noch so.

Auf einmal blieb die Raupe mitten im Tunnel stehen und bewegte sich nicht mehr weiter.

Papa sagte, dass die Bahn bestimmt gleich wieder losfahren würde, sie müssten gewiss noch auf einen anderen Zug warten. Es geschah aber nichts, die U-Bahn stand weiterhin wie angewurzelt da. Auf einmal gingen die Lichter im Wagon aus. Adele war sehr erschrocken und drückte Papas Hand mit voller Kraft. Einige versuchten mit ihren Handys in den dunklen Raupenmagen zu leuchten.